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Warum eigentlich "evangelisch" pilgern?

Warum eigentlich "evangelisch" pilgern? Hat sich nicht der Reformator Martin Luther recht abfällig über das Pilgern geäußert? - Das stimmt! Mit seiner Kritik hat Martin Luther aber vor allem den "Ablass" der damaligen Kirche im Visier gehabt, dass man also mit Geldleistungen, durch Pilger- und Bußgänge sich ein Stück vom himmlischen Seelenheil erkaufen könne. Seither hat man das Pilgern in der evangelischen Kirche nahezu komplett vergessen und man hat das Pilgern weitgehend abgelehnt. Allenfalls haben sich evangelische Christen auf Studien-, Bildungs- oder Gemeindereisen begeben.
Aber Pilgern? Das war lange Zeit unter Evangelischen verpönt.

Dabei gibt einige gute Gründe, zu pilgern, gerade wenn man evangelisch ist:

Pilgern ist ein Weg mit Gott. Beim Pilgern wird der Start mit einem Segen begonnen, der Weg mit Gebeten und spirituellen Impulsen begleitet und das Ziel mit dem Nachdenken über Glauben und den Sinn des Lebens bewusst verbunden. Egal, ob man sich nun alleine auf den Weg macht, oder ob man sich einer Pilgergruppe anschließt oder einem erfahrenen Pilgerbegleiter oder einer erfahrenen Pilgerbegleiterin anvertraut.

Für Evangelische ist die Bibel, die Heilige Schrift von elementarer Wichtigkeit. Und wer die Bibel aufschlägt, entdeckt, dass sie voller Weg- und Pilgergeschichten ist: Im zweiten Buch Mose wird von der Glaubenserfahrung der Israeliten berichtet, wie Gott durch Mose das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten auf einen Weg in die Freiheit geführt hat. Solche Texte können nachdenklich machen, gerade wenn man selbst auf der Suche nach Freiheit ist! Und weiter wird berichtet, wie Gott die Israeliten mit den Möglichkeiten, die sich in der Wüste boten, vor dem Verhungern und dem Verdursten bewahrt hat. Und die Propheten erzählen später von ihrer Hoffnung, dass über religiöse Grenzen hinweg alle Völkern einmal zum heiligen Berg Zion wallfahren, zu dem Berg, auf dem der Jerusalemer Tempel steht, um dort gemeinsam Gott anbeten. Von Jesus und seinen Jüngern wissen wir, dass sie ihrem Herrn wandernd in Galiläa und Judäa nachfolgten und sogar zu den bekannten jüdischen Wallfahrtsfesten nach Jerusalem gepilgert sind. An einem Passahfest (dem Fest der Befreiung aus Ägypten) besuchte der 12-jährige Jesus den Tempel (Lukasevangelium 2,41) und an einem Passahfest zog er nach Jerusalem, wurde dort gekreuzigt und ist auferstanden (Markus 14,1+12).

Und die wichtigste Pilgergeschichte im Neuen Testament erzählt davon, dass zwei Jünger auf dem Heimweg zu dem Dorf Emmaus erfahren, wie der auferstandenen Jesus sie in ihrer Trauer getröstet hat und mit ihnen gefeiert und gegessen hat und wie er ihnen frische Lebensfreude geschenkt hat. Auch Paulus war auf vielen Reisen unterwegs und kehrte immer wieder nach Jerusalem zurück. Und im Hebräerbrief wird das Leben der Christen als Reise zur himmlischen Stadt Jerusalem verstanden. Von diesen ehrwürdigen Texten, die schon vielen Menschen für ihre manchmal auch harte und steinige Lebenswegen Kraft gegeben und Trost gespendet kann man sich natürlich auch heute für den eigenen Lebenslauf inspirieren lassen

Wohl kaum mehr sind Pilger aus den gleichen Gründen wie im Mittelalter unterwegs. Heute suchen Pilger Ruhe und Entspannung vom Stress in Alltag und Beruf. Und sie suchen Antworten auf ihre Sinnfragen. Die Konfession spielt auf dem Weg kaum eine größere Rolle: Jeder und jede kann pilgern. Es legt es sich nahe, einen Pilgerweg mit Gebet, Lesung und Segen oder mit einem Lied zu feiern, ähnlich wie man das auch zu Hause sitzend oder im Gottesdienst tun würde. Wir möchten dazu einladen, die wunderbare Erfahrung des Pilgerns selber zu machen!

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